Montag, 12. März 2018

Virtual Reality im Kulturbetrieb

Ist Virtual Reality (VR) wirklich die bewusstseinsverändernde, bahnbrechende Technologie, wie vielerorts behauptet wird? Und wenn ja, wie können Kulturinstitutionen diese Art von Angebot für sich nutzen? 
Wir sehen Zeichen von Hype (und Angst gleichermassen) auf Gaming Messen, Filmfestivals und Medienspektakeln: Lange Menschenschlangen, die ein Headset probieren um in eine computergenerierte Welt transportiert zu werden.
 
Von Hollywood aus über den Broadway fand das VR Headset auch Anwendung im Theaterbetrieb. Am National Theatre in London entstand ein Virtual Reality Studio für neue Theaterprojekte mit dem Ziel, dass neue Technologie und immersive Filmstile "Pioniere des dramatischen Storytellings" werden. So enstand beispielsweise ein Theaterstück, in dem jeweils nur ein Besucher mit Hilfe eines Headsets von Schauspielern durch eine virtuelle Realität geleitet wird. Eine persönliche Ansprache und plötzliche Berührung des Schauspielers sorgte bei den Teilnehmern für höchste Emotionalität. Aber wie oft lässt sich ein Theaterstück für nur einen Besucher durchführen? Aufwand und Ertrag stehen hier in einem nicht-traditionellem Verhältnis zueinander.
 
Ein VR Projekt kostet Zeit, Geld und bedarf viel Expertise. Viele Kulturinstitutionen sind bereits mit der Social Media Management und anderen Digitalisierungsprojekten überfordert. Sollte man sich da diesem Hype anschliessen? Die Antwort kann sein, VR dort einzusetzen, wo damit Probleme gelöst werden können. Ein neues Angebot als Antwort auf eine Problemstellung, eine klassische Marketingantwort. VR im Museum könnte zum Beispiel genutzt werden, um sich einmal 3D in einem Gemälde bewegen zu können. Oder um einmal mitten im Orchester auf der Bühne sitzen zu können.
 
Das Engagement von Kulturinstitutionen im Bereich VR ist durchaus wünschenswert.  Noch fehlt es vor allem an Inhalten für diese neue Technologie. Das kann für die Kulturinstitutionen allerdings auch von großem Nutzen sein: Durch kunstvolle Inhalte und Geschichten, können sie mitgestalten, wie die Nutzer in ein neues Medium eingeführt werden.


Sonntag, 11. Februar 2018

Megatrends Migration, Globalisierung und Digitalisierung. Antworten von Kulturmanagern unterschiedlicher Generationen

Vor kurzem stellte Prof. Dr. Birgit Mandel auf der Jahrestagung des Kulturmanagement Fachverbandes in Hamburg einige interessante Erkenntnisse vor, die sie mit ihren Studenten an der Universität Hildesheim im Rahmen einer kleinen Studie gefunden hatte. Unter dem Titel "Generation Golf und Generation Y - neue Ziele und neue Stile im Cultural Leadership" wurde u.a. untersucht, wie unterschiedliche Generation, nämlich die sog. Baby Boomer im Vergleich zu den jüngeren Generationen X und Y auf Megatrends reagieren. Migration, Globalisation und Digitalisierung, welche Antworten finden die Kulturmanager unterschiedlicher Generationen jeweils? Kulturelle Bildung und Audience Development sind die Maßnahmen mit denen Kulturmanager der Baby Boomer Generation reagieren, Inklusivität und Diversität sind die Stichworte der jüngeren Gerenationen. Leitgedanke bei der Umsetzung sind für die ältere Generation die Erhaltung der künstlerischen Qualität, während die Jüngeren soziale, gesellschaftliche und politische Ziele sowie Relevanz für die Gegenwart als richtungsweisend für ihre Arbeit erachten. Zentrale Maßnahme von Kulturmanagern der Baby Boomer Generation ist neues Publikum zu schaffen, während der Ansatz von jüngeren Kulturmanagern ist, neue Programme zu gestalten. Seit Generationen geht es also darum, den Zugang zur Kultur zu gestalten. Darauf gibt jede Generation unterschiedliche Antworten geprägt insbesondere von politischen Rahmenbedingungen. Kulturelle Bildung als Antwort auf Hilmar Hoffmanns Forderung "Kultur für alle!" in den Siebziger Jahren. Inklusion und Diversität als Antwort auf Migration in dieser Zeit. Neu ist, dass die jüngere Generation bereit ist, die heilige Kuh zu schlachten und sich an neue Programme traut, die etwa digitale Inhalte auf die Konzertbühne bringt oder das mit-Kuratieren (Partizipation) von Ausstellungen erlaubt. Die ältere Generation im Elfenbeinturm hält den Atem an. Dieser Generationsunterschied wird nach meinem Eindruck nicht allein von Kulturmanagern sondern auch Künstlern, Förderern und Publikum ausgetragen. Dies gilt, wie von Prof. Mandel dargestellt für Deutschland, diese Diskussionen sind mir aber genauso aus dem Kulturmanagement Alltag in den USA bekannt. Und weil u.a. die Große Rezession und die vom Silicon Valley ausgehende Digitalisierung dort alles ein bisschen früher und heftiger als in Deutschland in Gang setzten, sind viele Maßnahmen zum Thema Relevanz, Inklusion und Diversität dort bereits auf politischer Ebene ausgearbeitet worden und vielfach umgesetzt worden. Es lohnt also ein Blick über den Ozean und welche Agenda von den Kulturlobbyisten von Americans for the Arts und den Fachverbänden formuliert wurde und propagiert wird

Mittwoch, 10. Januar 2018

Trendthema: Kulturelle Gerechtigkeit

Kulturelle Gerechtigkeit verkörpert die Werte, Richtlinien und Praktiken, die sicherstellen, dass alle Menschen - einschließlich, aber nicht beschränkt auf diejenigen, die aufgrund von Rasse / ethnischer Zugehörigkeit, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, sozioökonomischem Status, Geographie, Staatsbürgerschaftsstatus oder Religion - in der Entwicklung der Kulturpolitik vertreten sind; die Unterstützung von Künstlern; die Pflege zugänglicher, blühender Orte kulturellen Ausdrucks; und die gerechte Verteilung von Programm-, Finanz- und Informationsressourcen.“                                                  Americans for the Arts

Das Thema Diversity (Vielfalt), das jahrelang von den Kulturinstitutionen in den USA stiefmütterlich behandelt wurde, wird durch eine neue Debatte über kulturelle Gerechtigkeit erweitert. Vielfalt war ein Thema, dessen Behandlung insbesondere von Stiftungen eingefordert wurde. Dabei ging es vor allem darum, verschiedene Minderheiten als Besucher nachzuweisen. Kulturelle Gerechtigkeit hinterfragt, ob der Zugang und die Teilnahme in Kulturinstitutionen sozial gerecht sind.  Es ist insbesondere ein Thema, das junge amerikanischen Kulturmanager beschäftigt. Die Diskussion um kulturelle Gerechtigkeit scheint inzwischen aus den Kulturinstitutionen selbst heraus zu kommen, alles vor einem Hintergrund, in dem gesellschaftliche Debatten wie „white privilege“ und „#metoo“ gegen Diskriminierung geführt werden. Die weiße Mittel- und Oberschicht, die traditionell die Stammkunden und –Spender der etablierten Kulturinstitutionen ausmacht, wird kleiner. Um den zunehmend jüngeren Amerikanern und der zunehmenden ethnischen (=kulturellen) Vielfalt zu begegnen, reicht es nicht, bestehende Programme oberflächlich umzugestalten. Es bedarf neuer, authentischer Inhalte, die für diese Zielgruppen geschaffen werden. Es erfordert eine Anerkennung von Kunst jenseits der etablierten Kriterien der sog. Hochkultur.

Die Kulturlobbyisten von Americans for the Arts listen 33 Fragen auf, wie Kulturinstitutionen einen gerechteren Zugang zu ihrem Angebot gestalten können. Dabei geht es um die Bereiche Sprache, Unternehmenskultur, Lernen und Design: Welches Leseniveau müssen Besucher beherrschen, um Texte, Internetseite und Werbung verstehen zu können? Was, wenn Sprache keine Barriere zwischen Künstler und Publikum wäre? Ist soziale Gerechtigkeit eine Priorität, auch wenn sich damit keine kurzfristigen Gewinne (Kartenverkauf) erzielen lassen? Gibt es Fortbildungen zum Thema Ungerechtigkeit? Sind die Toiletten so beschildert, dass Besucher den Bereich aufsuchen können, der am besten mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmt? Für Kulturschaffende und Kulturmanager die ein Arbeiten im Elfenbeinturm gewohnt sind, sind dies ungewohnte Aufgabenstellungen. Dabei geht es in den Anworten um mehr als soziale Gerechtigkeit: Es geht darum, in einer Welt zunehmender kultureller Vielfalt Relevanz zu bewahren.

Virtual Reality im Kulturbetrieb

Ist Virtual Reality (VR) wirklich die bewusstseinsverändernde, bahnbrechende Technologie, wie vielerorts behauptet wird? Und wenn ja, wie kö...