Gibt es 2020 überhaupt noch Kulturpublikum, das sich
ansprechen, binden und (von Besuchern zu Spendern) entwickeln lässt? In den USA
sind die Verkaufszahlen von Eintrittskarten für Kultureinrichtungen (TRGArtsInside Report) in der Zeit von Januar bis August 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
um 83% gesunken. Aber an den Programmen, die digital und mit vielen Auflagen vor
Publikum stattfinden konnten, nahmen auf einmal die Besucher teil, die wir uns
seit Jahren zu den Veranstaltungen wünschen: Die jüngeren Generationen!
Da die Senioren, die auch in den USA traditionell einen
Großteil des loyalen Publikums ausmachen, ihre Transaktionen inkl. Spenden
eingeschränkt haben, werden die jüngeren Generationen, Baby Boomers, Generation
X und Millennials, proportional sichtbarer. Ist das für Kulturbetriebe jetzt nicht
eine Chance, sich sowohl im Service als auch inhaltlich mehr auf die jüngeren
Generationen einzulassen?
Teilnehmer in Fokus-Gruppen der Wallace Foundation
(Wallace Studies in Building Arts Audiences) zeigten, dass die Zielgruppen
durch das bestehende Marketing von Kulturorganisationen oftmals abgeschreckt wurden
und es als flach, esoterisch und wenig inspirierend empfanden. Dynamischere
Grafiken und emotionale Nahaufnahmen von Ballerinas oder Chorsängern anstelle
von Text, waren hier erfolgreicher.
Einen weiteren Lichtblick bei der Auswertung der TRGArts
Studie gibt es: Die Analyse der Ticketverkäufe zeigt, dass die Maßnahmen, die
Kulturinstitutionen in den USA bereits vor COVID-19 ergriffen, um ein weniger
homogenes und ethnisch gemischteres Publikum anzusprechen kleine Erfolge verzeichnen.
Der Anstieg der Verkäufe bewegt sich im Bereich von bis zu 2% für die
verschiedenen Ethnien.
In den Fokus-Gruppen der Wallace Foundation wirkte der
subjektiv wahrgenommene Elitismus von Kulturinstitutionen stark einschüchternd
auf Kunden von außerhalb des traditionellen Besucherspektrums. Speziell
trainierte Mitarbeiter im Bereich Besucherservice, die direkten Kontakt zu den
Besuchern suchen, sind neben Willkommensschildern und -ansagen eine
Möglichkeit, eine einladende Atmosphäre zu schaffen. Und natürlich ist es immer
eine gute Idee mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die diese Zielgruppen bereits
bedienen.
Wer in Zeiten, in denen die Zukunft so ungewiss ist, Karten
kauft, lässt sich anhand TRGArts Studie nachvollziehen. Welche Maßnahmen zur
Umsetzung von zielgruppenspezifischer Besucherentwicklung erfolgsversprechend
sind, zeigen die Studien der Wallace Foundation. Die meisten Kulturbetriebe
würden die Fortsetzung des Trends eines jüngeren und gemischteren Publikums,
wenn sich die Verkaufszahlen insgesamt wieder erhöhen, sehr begrüßen. Wenn man
die Datenlage so betrachtet, zeigt sich, dass diese Krise viele Chancen für
einen Neuanfang bietet.