Marketing ist für viele Kulturschaffende auch heute noch
ein Fremdwort, geprägt vom Eindruck des Absatz-orientierten Marketings, Verkauf
um jeden Preis. Dabei ist der Kulturbetrieb, in dem die wenigsten Produkte
(auch dieses Fachwort löst bei Kulturschaffenden immer wieder ein Schaudern
aus) auf die Bedarfe des Marktes ausgerichtet werden, zunächst einmal ein
Servicebetrieb und hier geht es in erster Linie um Beziehungsmarketing. Dabei
stehen weniger die Institution oder die Kulturmarke sondern vielmehr der Kunde
im Mittelpunkt des Marketings: Es geht um Kundennähe, Kundenpflege,
Kundenanalyse und Serviceaktivitäten für den Kunden.
Seth Goldin beschreibt das Selbstverständnis von Marketingmanagern
so (aus dem Buch This is Marketing, 2018):
„Marketer benutzen Verbraucher nicht, um die Probleme ihres
Unternehmens zu lösen; sie nutzen Marketing, um die Probleme anderer Leute zu
lösen. Sie haben die Empathie zu verstehen, dass jene, denen sie dienen wollen,
nicht wollen, was der Marketer will, nicht an das glauben, was der Marketer
glaubt und es sie nicht kümmert, was der Marketer will. Das werden Verbraucher
wahrscheinlich nie tun.“
Interessanterweise ist Godins Buch nicht für Marketer im
Kulturbereich geschrieben, sondern adressiert Alle, auch jene, die Seife, Politik
oder Autos vermarkten. Wieviel einfacher ist es für Kulturmanager, sich mit
einem Kulturprodukt zu identifizieren! Einem Produkt, von dem die Bevölkerung
durchweg positiv eingenommen ist, es für wichtig (in Bezug auf Erziehung) und
förderwürdig (über Steuergelder) einschätzt. Die Erkenntnis liegt darin: Wer
heute Marketing machen will, muss Einfühlungsvermögen, Serviceorientierung,
Spannung, Vertrauen und die richtige Positionierung beweisen. Dieser Ansatz ist
weit entfernt von breit gestreuter, omnipräsenter Marketingberieselung oder dem
Ausverkauf aller Dinge.
Ich glaube, dass wir Kulturmanager das Marketing der
Wirtschaftswelt oftmals falsch einschätzen. Während meiner Zeit als Marketingdirektorin
beim Cincinnati Symphony Orchestra hatte ich die Gelegenheit das Fachwissen der
Mitarbeiter des Konsumgiganten Procter & Gamble zu nutzen, der VP Marketing
des Konzerns saß in unserem Marketing-Beirat. Ich durfte am Launch eines neuen
Produktes, Pringles Multigrain, teilnehmen und lernte die Arbeit der Research
and Development-Abteilung kennen. Während der Launch eines vermeintlich
gesünderen Chips-Produktes viele Marketing-Vorurteile bestätigte und mich
trotzdem durch professionellste Marketing-Strategie und Umsetzung beeindruckte,
war ich erstaunt zu lernen, dass die Fragen und Ideen, die in der
R&D-Abteilung erforscht werden, im Kern wirklich den Dienst am Menschen
haben. Die von P&G durchgeführten Studien des weiblichen Körpers und die
Befindlichkeiten während der Menstruation sind unglaublich umfassend, um schließlich
Damenhygiene Produkte wie Always Ultra zu produzieren und Frauen den Alltag zu
erleichtern. Die Frage nach dem Dienst am Menschen wird im Kulturbetrieb nicht
gestellt, Kultur geschieht um ihrer selbst willen und daraus ergibt sich für
die Kultur die Relevanzlücke.
Godin beendet das Kapitel mit dem Satz: „Wenn du etwas
verändern willst, beginne damit, Kultur zu machen. Beginnen Sie mit der
Organisation einer engmaschigen Gruppe. Beginnen Sie, indem Sie die Leute
synchronisieren. Kultur ist die beste Strategie - so sehr, dass Kultur
Strategie ist.“ Klingt wie Musik in den Ohren von Kulturmanagern!