Dienstag, 23. Februar 2021

Amerikanische Kulturpolitik: Ein New Deal für die Kultur?

Dorothea Lange: Migrant Mother, 1936

Zu den Ikonen der amerikanischen Moderne gehören sicherlich die Fotografien der Wanderarbeiter, die Dorothea Lange 1936 anfertigte. Entstanden waren diese Werke im Auftrag der Resettlement Administration, einer Regierungsbehörde des New Deal in der amerikanischen Depressions-Ära, die Künstler direkt beschäftigte.

Die Weltwirtschaftskrise forderte die Amerikaner nicht nur mit einer nie dagewesenen Arbeitslosigkeit heraus, sondern auch mit ideologischen Spaltungen, die jenen, mit denen wir heute konfrontiert sind, nicht ganz unähnlich sind. Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus nehmen zu. Politisch ist Amerika so gespalten wie nie zuvor. Damals blühte die Arbeiterbewegung auf, genauso Mitgliedschaften im Ku Klux Klan.

Zu einer Zeit, in der viele Amerikaner das Gefühl hatten, wenig gemeinsam zu haben, versicherte die WPA (Works Progress Administration, New Deal Behörde) den Menschen eine wichtige, gemeinsame kulturelle Identität durch Theater, Kunst und Musik. Die Idee hinter dem föderalen Kunstprojekt war es, Kunst zu den Massen zu bringen. Lauren Sklaroff, Professorin für Geschichte an der University of South Carolina, beschreibt dies als ein gemeinsames, amerikanisches Lexikon, aus dem sich die Bedeutung der Kultur ableiten lässt.

Eine Wiederauflage des Programms wird in den USA gerade von Theateraktivisten gefordert: ein neues Federal Theatre Project (FTP), wie das der Regierungsbehörde aus der Zeit der Depression, welches Künstler direkt für die Produktion neuer Werke beschäftigt. Zwar wurden im November 2020 mit dem Save Our Stages Act 15 Milliarden USD an Corona-Hilfen für Kulturbetriebe auf den Weg gebracht, doch damit werden im wesentlichen festangestellte Kulturmanager unterstützt: „Es unterstützt Administratoren, es unterstützt Marketing-Leute, es unterstützt Fundraiser, aber keine Theaterkünstler. Es ist verrückt.“, sagt Oskar Eustis, Künstlerischer Leiter des New York Public Theater. Freischaffende Künstler profitieren davon nicht.

Ann Prentice Wagner, Kuratorin der Ausstellung 1934: A New Deal For Artists (Smithsonian American Art Museum, 2009), weist darauf hin, dass das Bezahlen von Menschen, um Geschichten zu finden und zu erzählen, die gemeinsame amerikanische Werte fördern, bei einer anderen Krankheit helfen könnte, an der die USA gerade leidet. "Woher wissen wir, was wir diesmal haben?", fragt sich Wagner. "Woher wissen wir, woran kreative Köpfe gerade arbeiten könnten, wenn wir ihnen keine Chance geben?"

Während die Wiederauflage eines New Deal für die Kultur in den USA auch unter der neuen Administration unwahrscheinlich bleibt, ist der Gedanke für Deutschland interessant und umsetzbar. Anstelle von Staatshilfen an Kulturschaffende könnte es auch Staatsaufträge geben.

Was für eine Vielfalt von Kunstwerken jetzt geschaffen und digital, später live vermittelt werden könnte! Und gemeinsame Werte zu bestärken, wäre auch im angehenden deutschen Wahljahr von großer Bedeutung.

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